Schlagwort-Archive: Visionen

Beitrag von Peter Scharl 01.03.2014

1. Gesellschaft organisieren 2. Sozial-ökologisch Wirtschaften (Gesamtbeitrag als PDF Dokument am Ende)

Für den Themenbereich

„Tausch-Ringe, Tausch-Systeme und Zusammenarbeit mit Komplementär-Systemen, Komplementär-Währungen etc.“

empfiehlt sich meiner Ansicht nach der 3. Strang:

3. Gemeinschaft leben

Buen vivir. Creative Commons. Wissen & Technologie.

Nach der Definition von Ivan Illich ist Konvivialität „individuelle Freiheit, verwirklicht in wechselseitiger persönlicher Abhängigkeit“. Konvivialität bezeichnet ein friedliches, gemeinschaftliches Leben auf kreative und (kollektiv) selbstverwaltete Weise. Der Begriff steht damit für eins der richtungsweisenden Ideale für einen gerechten und partizipativen Weg in eine Gesellschaft jenseits des Wachstums.

Institutionen und Technologien dienen derzeit der profitorientierten Wirtschaft, stattdessen sollten sie ein gemeinschaftliches Leben unterstützen.

Wichtige Fragen für die Forschung und Debatte in diesem Feld sind: Wie können wir unseren Geist und Körper von der Abhängigkeit von Wachstum befreien? Wie können wir konviviale Technologien fördern, die dem Gemeinwohl dienen sowie Teilen und Kooperation erleichtern? Konvivialität eröffnet auch das Diskussionsfeld über alternative Wohlstandsmodelle im Allgemeinen und gelebte Utopien aus verschiedenen Teilen der Welt, wie zum Beispiel das lateinamerikanische „Buen Vivir“ oder das afrikanische „Ubuntu“-Konzept.

Viele dieser Konzepte kritisieren die westliche Wahrnehmung der Natur als eine Ware und schlagen eine andere Mensch-Natur-Beziehung vor. Diese Modelle können Inspiration liefern für neue Formen des Wohnens, der Produktion und der Nutzung von Waren und Dienstleistungen – nicht individualisiert, sondern innerhalb einer lebendigen Gemeinschaft.

Der Themenstrang „Gemeinschaft leben“ kann die folgenden Debatten und Inhalte beinhalten:

+ Debatte

  • Wie kann die Wachstumslogik aus einer kulturellen und ethischen Perspektive kritisch reflektiert werden?
  • Welche neuen Lebensweisen wollen und brauchen wir und wie findet eine kulturelle Transformation statt?
  • Wie können die aktuellen Debatten über Glück, das gute Leben und Wohlstand ohne Wachstum für den Degrowth-Diskurs fruchtbar gemacht werden?
  • Welche Technologien wollen und brauchen wir für eine Degrowth-Gesellschaft?
  • Welche Grenzen und Konflikte haben Kulturen und Institutionen für gemeinschaftliches Leben und Konvivialität? Welche Chancen bergen sie?
  • Wie entwickelt sich gemeinschaftliches Leben in Autarkie, offenem Lokalismus und auf globalem Niveau?

+ Inhalte

  • Buen Vivir und Postentwicklung
  • Mentale Infrastrukturen und kulturelle Treiber von (Post)Wachstum
  • Urbanisierung, Entfremdung und Gegenbewegungen
  • Persönliche und kulturelle Veränderungsprozesse
  • Spiritualität
  • Kultur, Identität und wertschätzende Sprache
  • Konviviales und erfahrungsbasiertes Lernen und Wissensproduktion
  • Konviviale, freie und Open Source-Technologien
  • Creative Commons
  • Leben in Gemeinschaft

Ich persönlich werde bis zum 28.02.2014 einen „Call for Participation“ machen, der unsere Erfahrungen im Allgäu transportiert, angefangen bei den Tauschringen über die Transition-Bewegung hin zur ReWiG-Genossenschaft und das Zusammenwirken aller Bereiche hin zu einem „Nachhaltigen Allgäu“.

Als Form werde ich ein „World-Cafe“ vorschlagen.

Peter Scharl, Mitinitiator eines BTT in Verbindung mit der“degrowth-Konferenz“ und mit im LeitungsTeam von

Organisierte Nachbarschaftshilfe NIMM & GIB      ~     87700 Memmingen    ~     Pfaffengasse 10

nah am Westertor und am MGH    ~    Tel. Büro: 08331 / 640 690 8     ~      Bürozeit nach Vereinbarung

Fax: 03212-1296983     ~    Anfragen auch über AnrufBeantworter oder    ~  mail@NIMMundGIB-MM.de

Ich freue mich über Äußerungen der Mitarbeitsbereitschaft, eigener Inputs etc.! Traut Euch!

Dieser Beitrag als PDF Dokument –> Beitrag-Degrowth-Konferenz-2014_NIMM&GIB-Memmingen

Tauschringe: Instrument und Motor für eine solidarische Neugestaltung von Gesellschaft und Ökonomie

Tauschringe sind regionale Organisationen mit basisdemokratischer Ausrichtung. Arbeits- und Handlungsgrundlage ist eine lebenszeitgebundene und -gedeckte Zeitverrechnung. Sie sind zinsfreier regionaler Gegenpol zügelloser kapitalistischer Wachstumspolitik. Ihre Währung „Lebenszeit“ lässt diesem Workshop entwickeln wir gemeinsam Instrumente und Methoden, mit denen Tauschringe und -system sich künftig auf allen Ebenen besser vernetzen. Wir denken Kooperation neu, wir definieren den Part der Tauschringe beim Aufbau einer Gemeinwohl-Ökonomie. Wir entwickeln Strukturen und Systeme, die auch in der Vernetzung starke basisdemokratische Funktionen sicherstellen. Wir beantworten die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen im Tauschsystem und überlegen, ob und wie sich das allgemeingültig übertragen lässt.

Arbeitsform

Offene Werkstatt mit Impuls

Themenbereiche | Schwerpunkte

Gesellschaft organisieren

  • Demokratie jenseits von Wachstum – wie sieht sie aus?
  • Demokratische Entscheidungsfindung
  • Kommunale und regionale Organisation
  • Zugang zu und Organisation von Gemeingütern (Commons)
  • Wiederaneignung und (eine andere) Verwaltung von gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen und Infrastrukturen

und

Sozial-ökologisch wirtschaften

  • Wie kann Arbeit unter einer Postwachstumsperspektive (um)organisiert werden?
  • Welche Rolle spielen Commons, Solidarische Ökonomie, Gemeinwohl-, Share- und Schenkökonomie in einer sozial-ökologischen Wirtschaft?

Zielgruppe

Einsteiger_innen, Erfahrene, nach Möglichkeit aber mit Tauscherfahrung(en)

Ziel(e)

Entwicklung und Aufbau demokratischer Tauschring-Netzwerke, Demokratische Strukturen für Tauschring-Vernetzung(en), politische Vernetzung und Aktion für Tauschringe, Tauschringe als Instrument(e) für Bürgerbeteiligung und bürgerschaftliches Engagement

Ich freue mich über Rückmeldungen, Ideen dazu und viele Teilnehmer_innen in Leipzig! Klaus Reichenbach

Motto 2013 –> :: Tauschsysteme: gelebte Solidarität!? ::

Bundes-ArbeitsTreffen-Tauschsysteme (BATT) 2013
und
Bundes-ArbeitsTreffen-Tauschsysteme Aktiv (BATT-Aktiv) 2013
BATT und BATT-Aktiv vom 05. bis 08. September 2013 in Kassel!
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Liebe Tauschaktive!

zunächst einmal: Danke für die zahlreichen Rückmeldungen, ob direkt per Mail oder über die Fragebogen.
Eure Ideen greifen wir gerne auf und stellen sie hier gebündelt vor.

Das Motto für das BATT 2013 steht fest:

:: Tauschsysteme: gelebte Solidarität!? ::

Unter diesem Motto stehen die nachfolgenden Themen.
Über den Fragebogen http://www.batt-online.de/index.php/Umfrage_I_Themen
könnt Ihr auch weiterhin abstimmen oder weitere Themen und zugehörige ReferentInnen benennen. Nach dem 15. Mai schließen wir die Fragebogenaktion ab und geben das Gesamtergebnis bekannt.

* Tauschringentwicklung – Zukunft *
Dieser komplexe Bereich umfasst Themen wie “gerechte“ Mitgliedsbeiträge, sichere Finanzierung des Systems, Aktivierung von Mitgliedern, Gewinnung von Nachwuchs
Zeitbank (hier auch das politische Schlüsselthema 2013: Gemeinnützigkeit)
Schon Mitte der 90er Jahre hatte so mancher Tauschfan die Idee, Zeiteinheiten für Krankheitsfälle oder das Alter anzusparen. Damals wie heute scheiterte das aber daran, dass jede Organisation, die auch nur Begriffe wir Tauschring, Zeitbank o.ä. in ihren Prospekten oder der Satzung führt, pauschal nicht als gemeinnützig anerkannt wird. In anderen EU-Staaten wird dies längst anders gehandhabt. Hier (Wo ???) liegt möglicherweise der Schlüssel zur Lösung – in Kombination mit gemeinsamer Lobbyarbeit (extra Punkt)

* Soziale und ökonomische Relevanz *
Wie definieren Tauschringe ihren gesellschaftlichen Wert? Wo sehen sie selbst ihren Platz in der Gesellschaft? Liegt ihre Bedeutung eher im sozialen oder im ökonomischen Kontext? Oder sehen sich Tauschsysteme als Mischform, für die es noch keine juristische Grundlage gibt?

* Gesellschaftliche Teilhabe, Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein *
Tauschringe sind Organisationen, die in der Regel einen äußerst niedrigschwelligen Zugang für potentielle Mitglieder bieten. Sie werten sogenannte Hilfs- und Hausarbeit auf, besonders wenn sie mit reiner Zeitverrechnung arbeiten. Durch ihre besondere Form von Angebot und Nachfrage lassen sie einen selbstbestimmten Einstieg ins aktive Tauschen zu. Für geleistete Arbeit erhält ein Mitglied immer direkte Rückmeldung. Eine Ausbildung für die angebotenen Tätigkeiten ist nicht zwingend erforderlich. Soweit jedenfalls die Theorie. Damit könnten Tauschsysteme auch zu einem Grundeinkommen für alle BürgerInnen beitragen, möglicherweise können sie sogar als Pilot voran gehen und den Nachweis erbringen, dass ein solches Grundeinkommen ein belebendes Element ist.

* Anders Wirtschaften –> Wertschaften (Fortführung “Solidarische Ökonomie”) *
In Tauschsystemen geht es nicht um Wachstum, nicht um Profit. Trotzdem sind sie eine Form des Wirtschaftens. Da es keinen Zins gibt, kann es aber dabei nicht um Rendite gehen. Vielmehr geht es um einen gleichberechtigten Austausch von Waren und Dienstleistungen, um nachhaltiges Wirtschaften, um Ressourcenschonung. Letztlich geht es also um ein anderes Wertesystem. Wertschaften statt Wirtschaften, Ökonomie mit Solidareffekt. Nein, nicht jedes Tauschsystem verfolgt diesen Ansatz in aller Klarheit, doch liegt es im Kern eines jeden einzelnen: Es war und ist Teil der Vision „Tauschsystem“. Welche Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung fehlen uns dazu, wie können wir die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen schaffen?

* Interessengemeinschaft deutsche Tauschsysteme *
Tauschsysteme und ihre Anliegen sind als Idee und Vision auf der gesellschaftlichen und politischen Bühne durchaus wohlwollend betrachtet. Trotzdem geht es nicht voran. Bestes Beispiel: seit 1997 gibt es einen Erlass der Landesfinanzämter, der Tauschsystemen grundsätzlich die Fähigkeit zur Gemeinnützigkeit abspricht. Finden sich im Regelwerk Begriffe wie Tausch, Tauschsystem oder -ring, Zeitbörse, Talentetausch oder ähnliches , wird anders als bei anderen Vereinen verfahren. Laut Gesetz ist es üblich, zunächst die Satzung zu prüfen. Es gibt eine lange Liste mit Formulierungen, die explizit für eine Gemeinnützigkeit stehen. Spiegelt das die Satzung wieder, wird die Organisation vorläufig als Gemeinnützig anerkannt. Dies wird per Körperschaftsteuererklärung zusammen mit den Einnahme-Überschuß-Rechnungen, den Protokollen der Mitgliederversammlungen und den jährlichen Tätigkeitsberichten stets rückwirkend geprüft. Entspricht die tatsächliche Arbeit der vorgelegten Satzung, wird weiterhin die Gemeinnützigkeit gewährt. Bei Tauschsystemen wird das ohne jegliche Prüfung negiert. Doch 75% der Organisationen arbeiten mit Zeitverrechnung. Eine Begünstigung einzelner Mitglieder ist dabei nicht möglich: Die Summe aller Mitglieder- und Systemkonten ergibt immer Null.
Außerdem sollten auch Tauschsysteme, wie z.B. in Italien, aufkommunaler Ebene einen Anspruch auf Unterstützung mit Sachmitteln haben. Die Gestellung von Büroraum oder Kommunikationsmöglichkeiten z.B. gegen Hilfen in Bürgerhäusern sollte selbstverständlich sein und wäre ein Gewinn für jede kommunale Körperschaft.
Das sind nur zwei Beispiele. Doch wie können wir das (was???) erreichen? Es sind keine Ansprüche, die viel kosten, eigentlich kosten sie nichts. Aber sie haben natürlich weitreichende gesellschaftspolitische Auswirkungen. Ohne solche Veränderungen werden Tauschsysteme aber fortlaufend in ihrer Entwicklung gebremst. Um eine gesamtgesellschaftliche Wirkung zu erzielen und in der Politik ernst genommen zu werden, müssen Tauschsysteme eine gut organisierte Lobbyarbeit aufbauen. Der Grundstein wurde in Büdingen 2012 gelegt. 2013 ist möglicherweise ein epochales Wahljahr. Die Vergangenheit zeigt, dass besonders in solchen Phasen politische Erfolge leichter zu erreichen sind. Das BATT in Kassel sollte daher ein wirkungsvoller Höhepunkt einer Interessenvertretung sein.

:: Anmeldung und Buchungen
Anmeldeformulare, Informationen zu den Übernachtungsmöglichkeiten sowie alle Teilnehmerpreise senden wir in Kürze mit gesonderter Mail.

Bis dahin herzliche Grüße

Euer BATT 2013 Organisationsteam

Zeitbank-Modelle in Deutschland

:: Vorbemerkung
Die Idee, mit Zeitbanken fürs Alter vorzusorgen, stammt von verschiedenen Initiativen in Deutschland und Österreich. Zu den drei Säulen gesetzliche Rente, betriebliche Rente und private Rente kommt die vierte Säule „Zeitanspar-Rente“ hinzu, die das Leben im Alter absichern soll.
In Deutschland arbeitet aktuell nur eine kleine Zahl von Zeitbanken. Die Modelle unterscheiden sich nur marginal. Dieses Dokument beschreibt den aktuellen Stand der uns bekannten aktiven Zeitbanken, ihre Vorteile, die bestehenden Probleme und die mit der Idee verbundene Vision. Ergänzend bietet dieses Dokument einen Blick über den Tellerrand in andere Staaten der Europäischen Union.

Inhaltsverzeichnis
Zeitbank-Modelle in Deutschland
:: Was ist eine Zeitbank?
:: Funktionsweise
:: Mal ganz praktisch
:: Zeitbanken als Vorsorge-Modell
:: Vorteile von (Vorsorge)-Zeitbanken
:: Hindernisse und Probleme
:: Daten, Zahlen, Statistik
:: Bestehende Zeitbanken und Tauschringe mit Vorsorgezeitkonten
:: Beispiele aus anderen Ländern
:: Großbritannien
:: Österreich
:: USA
:: Danke

:: Was ist eine Zeitbank?

 


Eine Zeitbank ist in der Regel eine lokale Vereinigung zur Erbringung gegenseitiger Leistungen auf Grundlage einer geldlosen Tauschwirtschaft. Sie stellt eine organisierte Form der Nachbarschaftshilfe dar. Im Unterschied zu Tauschringen besteht bei Zeitbanken die explizite Möglichkeit ein Ansparguthaben zur zusätzlichen Altersversorgung aufzubauen. Anders als in der Nachbarschaftshilfe werden erbrachte und beanspruchte Dienstleistungen durch Zeitbanken formal organisiert. Zeitbanken sind zwar dem Tauschhandel innerhalb von Tauschringen sehr ähnlich, schließen aber in der Regel den Handel mit Waren aus und beschränken sich damit auf den Tausch von persönlichen Diensten.
In Deutschland lassen einige Zeitbanken und Tauschringe auch den Tausch von Gegenständen gegen Dienstleistungen zu, wenn sich Anbieter und Nachfrager über den Gegenwert an Zeiteinheiten einig werden (z.B. Kinderfahrrad gegen Garten umgraben).
Die Zeitbank selbst ist grundsätzlich ein Austauschsystem von Dienstleistungen ohne Geldvergütung und ohne Gewinnabsicht. Maßstab („Währung“) für die Verrechnung von Leistungen ist allein die aufgewandte bzw. in Anspruch genommene Zeit (=Lebenszeit der Mitglieder), unabhängig von Inhalt oder Ergebnis der Dienstleistung. Hat ein Mitglied Leistungen empfangen, gewährt es die Gegenleistung nicht unbedingt dem selben Dienstleister zurück, sondern kann diese auch gegenüber anderen Mitgliedern der Zeitbank erbringen. Geld ist meist nur für die Vergütung von belegbaren Spesen zugelassen. Deren Rahmen muss im voraus zwischen den beiden Mitgliedern geklärt werden.
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:: Funktionsweise

 


Erbrachte Leistungen werden dem Leistung erbringenden Mitglied auf dessen „Zeitkonto“ (ähnlich einem Bankkonto) gutgeschrieben. Das Konto des Leistung empfangenden Mitglieds wird mit einem entsprechenden negativen Betrag (=Zeitschuld) belastet. Diese Belastung muss durch zu erbringende Dienste ausgeglichen werden. Ein möglichst ausgeglichenes Zeitkonto wird angestrebt.
Diese Zeitgutschriften können gegen Dienstleistungen anderer eingetauscht werden (z.B. Babysitten gegen Nachhilfe). Die Zeitguthaben werden nicht verzinst, können nicht zur Kapitalvermehrung verwendet werden und bleiben dem Tauschkreislauf erhalten.
Um die Möglichkeiten einer Zeitbank zu nutzen, ist eine Mitgliedschaft Voraussetzung. In der Regel ist diese Mitgliedschaft mit einer geringen Jahresgebühr oder einem Mitgliedsbeitrag verbunden. Diese Gelder werden für den Betrieb des Systems und einer Minimalversicherung für die Mitglieder eingesetzt. Bei Eintritt wird angegeben, welche Dienste das Mitglied anbieten will. Diese werden über eine Datenbank gelistet und bei Bedarf von anderen Mitgliedern abgefragt. Die Angebote können jederzeit verändert werden und die Mitglieder können im Einzelfall entscheiden, ob sie den Dienst zum gewünschten Zeitpunkt erbringen möchten.
Etliche der bestehenden ca. 400 Tauschringe in Deutschland und auch einige Genossenschaften betreiben bereits solche Zeitbanken. Nehmen und Geben von als gleichwertig angesehenen Dienstleitungen und/oder Objekten ohne Verwendung von Geld als Tauschmittel ist dort selbstverständlich.
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:: Mal ganz praktisch

 


Die einfachste Form einer Zeitbank sind Zeitgutschriften in Papierform, oft Talente genannt. Das funktioniert bereits gut in einer kleinen Tauschgemeinschaft, wo sich die Mitglieder untereinander kennen. Wenn die Teilnehmerzahl größer ist, bietet sich die Verwendung einer Computer basierten Datenbank an, insbesondere dann, wenn über verschiedene Zeitbanken oder Tauschringe hinweg getauscht werden soll. Über Clearingstellen können Zeitguthaben sogar von einer zur anderen Organisation übertragen oder verrechnet werden. So können Mitglieder eines solchen Systems ihr Konto bei einem Umzug auch an den neuen Wohnort übertragen lassen.
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:: Zeitbanken als Vorsorge-Modell

 


Beim Modell der Vorsorge-ZeitBank ist dieser Markt, wie beispielsweise bei Fureai Kippu in Japan, deutlich enger gefasst und beinhaltet nur alle Tätigkeiten, die es den Menschen erlauben, so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben zu können, bevor die Pflegebedürftigkeit zu groß und die Unterbringung in einem Pflegeheim unumgänglich wird. Dieser Markt hilft insbesondere bedürftigen Menschen, die zu arm sind, um sich die notwendigen Dienstleistungen auf dem Geldmarkt einkaufen zu können. Die professionelle medizinische Versorgung und Pflege wird dabei weitgehend ausgenommen, weil diese von Fachkräften, die durch Kranken- und Pflegeversicherung finanziert werden, gewährleistet bleiben soll.
Aufgewendete Zeiten für nachbarschaftliche Hilfeleistungen können auf Zeitkonten angespart werden, um diese später, wenn man selbst Hilfe braucht, gegen Hilfeleistungen der gleichen Art zurück zu tauschen. Das kann auch als ein über viele Jahre zeitversetzter Tausch angesehen werden. Eine Vorsorge-Zeitbank ist ähnlich der gesetzlichen Rente ein Umlageverfahren, nur mit Zeit anstelle von Geld als Währung.
Erworbene Zeitguthaben können an andere Personen (Verwandte, Freunde, Bekannte) verschenkt werden, wenn man sie selbst nicht benötigt (weil man z.B. über genügend eigenes Einkommen verfügt). Zusätzlich sollte eine Vorsorge-Zeitbank ein Sozialkonto besitzen, in das nicht selbst benötigte Zeitguthaben transferiert werden und aus dem Bedürftige Zeitguthaben gespendet bekommen können, wenn sie selbst (noch) keine Guthaben ansammeln konnten.
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:: Vorteile von (Vorsorge)-Zeitbanken

 


Es gibt keine Inflation (Wertverfall), eine Stunde (Lebenszeit) bleibt immer eine Stunde.
Weil nur Zeit als Verrechnungseinheit verwendet wird, gibt es keine komplizierte (Renten-) Formel wie bei der gesetzlichen Rente, die bereits mehrfach ohne Mitwirkungsmöglichkeit der Einzahler von der Politik nach Kassenlage angepasst wurde.
Verbesserung der Vorsorgesituation insbesondere für die armen Hilfsbedürftigen, ohne die öffentliche Hand finanziell zu belasten. Sie wäre die „Vierte Säule der Altersvorsorge“. Sie ist außerdem ein transparentes und selbstbestimmtes System.
Abmilderung des Vorsorgeproblems in der Zukunft mit dramatisch anwachsender Zahl von Grundsicherungsempfängern durch die demographische Entwicklung und anhaltenden Rückgang des Lohnniveaus.
Entlastung des schlechten Gewissens der MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen, die die von den Kassen bezahlten professionelle medizinische Versorgung und Pflege leisten und den Bedürftigen darüber hinaus die notwendige menschliche Zuwendung nicht geben können.
Die unterschiedlichsten Hilfsorganisationen, Wohlfahrtsverbände und Vereine, die nachbarschaftliche Dienstleistungen anbieten, können ein gemeinsames System verwenden, das untereinander und regional Transparenz für Angebote und Nachfragen schafft und die Versorgung damit insgesamt wirkungsvoller gestaltet.
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:: Hindernisse und Probleme

 


Zeitbanken haben sich, noch weniger als Tauschringe, etablieren können. Das hat in Deutschland vor allem juristische Gründe. Ausgehend von der Tauschringthematik wird allen auch nur entfernt ähnlichen Organisationen seitens der Finanzbehörden automatisch eine generelle Gewinnerzielungsabsicht und die Beschaffung geldwerter Vorteile für ihre Mitglieder unterstellt. De facto dürfte aber in fast allen Tauschringe die als gemeinnützig einzustufenden Vorgänge deutlich über der 60% und bei allen Zeitbanken zu annähernd 100% als gemeinnützig einzustufen sein. Wenn seitens der Politik hier eine Änderung erfolgt, würde die Akzeptanz und Nutzung sicher stark ansteigen. Dazu müssten einige juristische Grundlagen verändert werden, Geld würde das aber kaum kosten:
Für das Ansparen von Zeiteinheiten innerhalb von Zeitbanken und Tauschringen als Pflegesparmodell bzw. Vierte Säule der Altersvorsorge ist eine Steuerfreistellung bis zu einer jährlichen Gesamtzeit von 400 Std. sinnvoll. Dies begründet sich in der zunehmenden Schwierigkeit, zukünftig Pflegeleistungen und ausreichende Alterssicherung für alle noch bewältigen und in Euro finanzieren zu können. Gleichzeitig bietet es die Möglichkeit für Erwerbslose, Ihre freie Zeit für die Sicherung Ihres eigenen Lebensabends zu investieren und sich ggf. in neuen Bereichen beruflich zu qualifizieren. Ferner wird die Gefahr, Sozialfälle im Alter zu produzieren, vermindert.
Zeitbanken und Tauschringe müssen daher wie alle anderen gemeinnützigen Vereine mit wirtschaftlichem Zweckbetrieb behandelt werden. Beispiel: viele Selbsthilfevereine im Bereich der Behindertenselbsthilfe betreiben selbst ambulante Hilfsdienste für ihre Mitglieder. Die Einnahmen und Überschüsse daraus finanzieren dabei z.B. die kostenlosen Beratungsangebote solcher Vereine und machen die gemeinnützige Arbeit überhaupt erst möglich.
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:: Daten, Zahlen, Statistik

 


Auf dem Bundes-ArbeitsTreffen der Tauschringe 2012 (BATT-2012: http://www.batt-online.de/) hat man sich in einem ersten Schritt darauf geeinigt, die deutschen Tauschringadressen auf der Homepage http://www.tauschringadressen.de/ gemeinsam zu aktualisieren und zu pflegen. Diese Liste ist noch nicht komplett und aktuell, da bisher nicht alle Tauschringe ihre Daten dort eingeben und/oder aktualisieren. Dies gilt auch für die dort angegebenen Mitgliederzahlen. Die Anzahl der Mitglieder und deren jährliche Tauschleistung lässt sich daher zur Zeit nur schätzen. Bei ca. 400 Tauschringen mit durchschnittlich 100 Mitgliedern ergibt sich eine geschätzte Gesamtzahl von 40.000 Mitgliedern. Stichproben ergeben, dass pro Mitglied und Jahr durchschnittlich 10 Zeitstunden getauscht werden. So entstehen hier ca. 400.000 Leistungsstunden pro Jahr.
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:: Bestehende Zeitbanken und Tauschringe mit Vorsorgezeitkonten

 


München: www.zeitbank.net
Westerstede (Ammerland): www.Daheim-statt-Heim-Wst.de
Eggesin(Mecklenburg-Vorpommern): www.Zeitbank-Vorpommern.de
Marktoberdorf (Allgäu): www.zeitbank-marktoberdorf.de
Winterberg-Hallenberg-Bromskirchen (Sauerland):
www.Wir-Fuer-Uns-Buergerhilfe.de
Zeitbank Thüringen e.V. in Erfurt: www.zeitbank-thueringen.de
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:: Beispiele aus anderen Ländern

 


:: Großbritannien

 


Der reziproke Austausch von Dienstleistungen und Gefälligkeiten wird vom Gesetzgeber ausdrücklich gefördert und ist steuerbefreit. Ausgenommen hiervon sind Tausch-Schemata, die auch mit Waren handeln. Sofern allerdings kein Austausch von Materialien erfolgt, ist jegliche Form von Zeittausch, inkl. des Ansparens von Zeitguthaben etc. steuerfrei. Dies wurde in mehren Debatten des Parlaments beschlossen und ist im sogenannten „Hansard“ nachzulesen. (siehe auch http://www.parliament.uk/search/results/?q=timebanking)
Die rechtliche Situation der Tauschringe und Zeitbanken als Organisationen ist daher einfacher, als in Deutschland. Vom Status her sind aktuell die meisten Charities (Wohltätigkeitsorganisationen) steuerbefreite Ltd’s. (gemeinnützige GmbH’s). Die Vorstände (board of trustees) müssen strenge rechtliche Regeln einhalten, so dass der Verwaltungsaufwand ungefähr dem einer Firma mit angehängtem Verein / Stiftung gleichkommt. Die Vorteile sind hoch: Möglichkeit der Teilnahme an Ausschreibungen gemeinnütziger Fördergelder, reduzierte Steuerausgaben für Angestellte etc., reduzierte Versicherungsprämien, Möglichkeit Spendenquittungen auszustellen usw..
Auch Versicherungen, in Großbritannien von Haus aus dem Kapitalismus verpflichtet, haben im Bezug auf Zeitbanken eine soziale Ader entwickelt und die Prämien innerhalb der letzten 10 Jahre drastisch gekürzt. Bei einigen Organisation sind die Prämien um ca. 500 % gesunken! Dies auch vor dem Hintergrund, dass seit Jahren bei allem Austausch von nachbarschaftlicher Hilfe kein einziger Versicherungsfall aufgetreten ist.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass der britische Staat die Chance erkannt hat, durch Tauschringe und Zeitbanken das Leben seiner Bürger zu verbessern ohne dafür Geld auszugeben (sofern man die ausfallenden Steuereinnahmen, nicht als Ausgaben wertet). Zeitbanken und Tauschringe sind in Großbritannien landesweit organisiert. Der letzte Stand von ausgetauschter Zeiteinheiten ist: knapp unter 25.000 Mitglieder in 305 Zeitbanken und Tauschringen haben 1,8 Mio Stunden ausgetauscht.
Weitere Informationen unter www.timebanking.org oder www.fairshares.org.uk
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:: Österreich

 


Talente-Tauschkreis Vorarlberg, Verein für organisierte Nachbarschaftshilfe, Weidenweg 2, 6850 Dornbirn
Zeitvorsorge – so sicher und beständig wie die Zeit
Der Talente-Tauschkreis Vorarlberg entwickelte ein aktives Vorsorgemodell, bei dem die Zeit als Wertmaßstab und Verrechnungseinheit dient: Wer Pflege- und Betreuungsarbeit leistet, kann diese Stunden fürs eigene Alter ansparen oder im Rahmen des Talente- Tauschkreises sofort konsumieren. Statt Vertrauen ins Geld setzen die Vorarlberger auf Vertrauen in die Gemeinschaft. Für eine erbrachte Stunde Leistung werden 100 Talente gutgeschrieben. Alternativ kann die Stunde auch geteilt werden – dann erhält das Mitglied 50 % Talente und 50 % des vereinbarten Stundensatzes in Euro. Die Talente sind an die Zeit (Stunde) gebunden. Die Wertsicherung auf Zeitbasis bewirkt, dass 100 Talente auch in 20, 40 und mehr Jahren noch eine Stunde wert sind. Der Tauschkreis Vorarlberg arbeitet in der Umsetzung des Modells eng mit Trägereinrichtungen für Pflege- und Betreuungsdienste zusammen, wobei auf die Einbindung der Gemeinden geachtet wird. Das Pflegesparkonto ist nach oben hin mit 50.000 Talenten begrenzt und kann nicht ins Minus geführt werden. Weiter Informationen: http://www.talentiert.at/uploads/media/zeitvorsorge_handoutneu.pdf
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:: USA

 


MORE, Grace Hill, St.-Louis (USA) (Member Organised Resource Exchange)
The Heart of Grace Hill
Übersetzung einer Beschreibung von Karen Hill aus dem Jahr 1997
(MORE gibt es immer noch. Die Organisation hat inzwischen über 100.000 Mitglieder. Aktuelle Informationen und Daten finden Sie hier: www.gracehill.org/content/about.php)

MORE, Grace Hill, St.-Louis (USA) (Member Organised Resource Exchange)

MORE ist ein Tauschsystem, das schon seit 1981 in St.-Louis besteht. Schon vom Umfang her lässt es sich mit deutschen Tauschringen nicht ohne weiteres vergleichen: es hat inzwischen (1997!) mehr als 15.000 Mitglieder. Außerdem hat es viele weitergehende soziale Funktionen als die in deutschen Zeitbanken oder Tauschringen bekannten. Das mag sicher auch damit zusammenhängen, dass es in den USA so etwas wie ein soziales Netz von Staats wegen nicht gibt.
Ähnlich wie hier in deutschen Zeitbanken oder Tauschringen, funktioniert MORE auf der Basis einer Verrechnung von Zeit gegen Zeit, d. h. auch dort wird von der Gleichwertigkeit der Zeit und der Menschen ausgegangen. Große Unterschiede gibt es aber in der Organisation und dem Umfang der Dienstleistungen. In St. Louis wird großer Wert auf die Bildung von Gemeinschaft gelegt. Es gibt lokale Gruppen (Stadtteilbezogen) mit jeweils einer/m Gruppenleiter/in, der nicht nur die Koordination von Dienstleistungen übernimmt, sondern auch gemeinsame Aktivitäten organisiert und die Teilnehmer beim Tausch von Leistungen unterstützt und motiviert.
Darüber hinaus ist MORE in ein umfassendes System von Hilfeleistungen für Notfälle eingebunden und arbeitet u. a. mit der Kirche und vielen anderen Institutionen zusammen. So kann MORE z.B. auch Hilfe ohne Gegenleistung gewähren, wenn Mitglieder unverschuldet in akuten Notfälle geraten (z.B. Sperre von Strom und Heizung, nichts zu essen, Rausschmiss aus der Wohnung u. v. m.). Es gibt in jedem Bezirk der Stadt St. Louis eine speziell geschulte Person, die Ansprechpartner/in für solche Fälle ist und die Organisation der Hilfsleistung übernimmt.
Es gibt bei MORE auch die Möglichkeit, sich Talent-Guthaben anzusparen für den Fall, dass man zu einem späteren Zeitpunkt hilfsbedürftig wird (Alter, Krankheit, Behinderung). Andererseits ist z. B. die Einbindung älterer Menschen ein wichtiger Schwerpunkt der Organisation. Man versucht, ihre Fähigkeiten besonders stark nachzufragen. Das bedeutet nicht nur die Bewahrung der Selbständigkeit für ältere Menschen, sondern auch Anerkennung und soziale Kontakte.
Über die üblichen Funktionen eines Tauschrings hinaus bietet MORE weitere Dienste und Unterstützung für seine Mitglieder an: Familienhilfe, Hilfe bei Wohnungssuche, Gesundheitserziehung, Erwachsenenbildung, Jobsuche.
Da inzwischen auch viele Geschäfte und sogar eine Bank in das System eingegliedert sind, können die Mitglieder über das System einen relativ großen Teil ihrer Bedürfnisse abdecken.
Positiv fällt dabei die Förderung von Eigeninitiative und Gemeinsinn auf. Es kann sein, dass ein solches System nicht unbedingt 1:1 auf uns übertragbar ist, da die amerikanische Gesellschaft in wesentlichen Punkten anders ist als unsere. Dennoch ist MORE ein gutes Beispiel dafür, was alles möglich ist, um Lebensqualität zu erhalten, auch wenn man durch Geldmangel, körperliche Einschränkungen oder soziale Benachteiligungen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird.
Zum Inhaltsverzeichnis

:: Danke

 


Informationen für dieses Dokument wurden zur Verfügung gestellt von: Karl-Heinz Kock (Köln), Martin Schmidt-Bredow (München), Klaus Reichenbach (Kassel), Andreas Weide (Time Banks UK), Talente-Tauschkreis Vorarlberg.
Redaktionelle Bearbeitung: Klaus Reichenbach
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