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Zeitbanken – viertes Standbein einer zukünftigen Altersvorsorge?

Lässt sich Zeit ansparen? Funktioniert ein Sozialstaat ohne Wirtschaftswachstum? Verbessert sich unsere Lebensqualität mit weniger Konsum und Arbeit? Wie verändert sich die Gesellschaft, wenn soziales Engagement, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft anerkannt und belohnt wird? Zeitbanken können darauf Antworten geben.

Klaus Reichenbach, Kassel

Aus „CONTRASTE“ Nr. 416

Eine einfache Idee: Ehrenamtliches Engagement für das Gemeinwohl wird honoriert. Geleistete Stunden werden in eine Zeitbank eingezahlt. Diese Stunden können im Alter oder bei Pflegebedarf wieder abgerufen werden, eine Form von zeitversetzter gegenseitiger Hilfe. Kommt Ihnen sicher bekannt vor. Die Idee funktioniert ähnlich wie Tauschringe. Zeitbank- oder Tauschring-Mitglieder bieten über ein gemeinsames System Dienstleistungen an. Bei Bedarf werden diese von anderen Mitgliedern abgerufen. Wichtig ist, in beiden Organisationsformen gibt es keine Möglichkeit, Gewinne zu erzielen. Es geht um gegenseitige Unterstützung, um soziale Kontakte und Austausch.

Mit Hilfe einer Zeitbank werden Zeitguthaben für das Alter angespart. Das schließt aus systemischen Gründen den Tausch von Waren gegen Dienstleistungen aus. In einem Zeitbanksystem wird nur die aufgewendete Zeit auf dem Mitgliedskonto für das Alter oder für einen eintretenden Pflegebedarf angespart. Zeitbanken tragen so dazu bei, dass Menschen möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung leben können, statt in teure Pflegeeinrichtungen umzuziehen. Im Tauschring beinhaltet das Konzept den permanenten (Aus-)Tausch von Dienstleistungen aber auch von Waren. Die erworbenen (Zeit-)Gutschriften sollen möglichst schnell erneut in Umlauf kommen. Ein langfristiges Ansparen ist in Tauschringen nicht möglich. Das würde den Austausch innerhalb des Systems ausbremsen oder sogar verhindern.

Unterstützung sozialer Vernetzung

Mehrere Finanzkrisen haben vorgeführt, wie krisenanfällig Geld und damit verbundene Systeme sind. Zeitbanken arbeiten weitgehend mit (Lebens-)Zeit. Diese kennt keine Inflation, eine Stunde bleibt immer eine Stunde. Die Zeitverrechnung benötigt kein kompliziertes Verfahren wie in der gesetzlichen Rentenversicherung. Angesparte Zeitrenten können eins zu eins ausgezahlt werden und müssen nicht an der aktuellen oder zukünftigen Kassenlage ausgerichtet werden.

Zeitbanken lassen sich zum vierten Standbein einer zukünftigen Altersvorsorge weiterentwickeln. Angesichts des abnehmenden Wirtschaftswachstums, des demografischen Wandels und einer zunehmenden Altersarmut können sie die Funktion einer inflationssicheren und selbstbestimmten Form der Alterssicherung und damit eine für die Zukunft der Gesellschaft wichtige Rolle einnehmen.

Darauf aufbauende Modelle unterstützen die soziale Vernetzung innerhalb von Nachbarschaften erheblich. Im Gegensatz zu kommerziell erbrachten (Pflege-)Dienstleistungen sorgen Zeitbanksysteme dafür, dass Menschen im Alter oder bei Pflegebedarf in der Mitte der Gesellschaft verbleiben. In Zeiten der Erwerbslosigkeit bieten sie zudem sinnvolle Möglichkeiten, für das Alter und eine bessere Versorgung zu sparen.

Behindernde Bedingungen

Die benannten Vorteile sind so bestechend, dass Zeitbanken seit der Finanzkrise 2008 in Deutschland boomen müssten. Tatsächlich gibt es nur eine sehr kleine Zahl, deren Aktivitäten und Mitgliederzahlen eher stagnieren. In vielen anderen Ländern – wie in Großbritannien, Österreich, Japan oder USA – existieren seit vielen Jahren erfolgreiche Modelle. Im Vergleich dazu tun sich in Deutschland die Zeitbanken ebenso wie Tauschringe schwer. Schon 2009 berichtete die taz über die damals mit Preisen überhäufte Zeitbank München. Aber trotz bester Voraussetzungen kam eine ausreichende Zahl an Mitgliedern nicht zustande. Die entscheidende Ursache für ihre geringe Verbreitung liegt aber in den rechtlichen Rahmenbedingungen. Wenn eine Organisation nach Tauschring aussieht, wird sie von der Finanzbehörden als Organisation mit Gewinnerzielungsabsicht zwecks Beschaffung geldwerter Vorteile für ihre Mitglieder eingestuft.

Das stimmt nicht, da Tauschringe und vor allem Zeitbanken mit einer reinen Zeitverrechnung arbeiten und Guthaben nicht verzinst werden. An diesem zentralen Punkt der Behandlung durch die Finanzämter müssen Änderungen seitens der Politik erfolgen. Dann würde die Akzeptanz und Nutzung erheblich ansteigen. Dazu sind die gesetzlichen Grundlagen im Bereich des Steuer- und Sozialversicherungsrechst anzupassen. Geld würde dies nicht kosten, weil sich zeitbasierte Systeme geldlos und autonom verwalten lassen. Von staatlicher Seite sollte das Ansparen von bis zu 400 Zeitbank-Stunden pro Jahr durch Klärung der steuerlichen Bedingungen gestützt werden.

Geforderte Politik

Im Kern haben die etwa 300 deutschen Tauschringe ein Zeitbanksystem schon eingebaut. Wenn sie sich mit den existierenden Zeitbanken zusammentun, könnten sie auf die Politik stärker einwirken und bessere Rahmenbedingungen erreichen. Dazu muss eine gleichzeitig von den Projekten und der Politik getragene Basis erarbeitet werden. Von Zeitbanken in anderen Ländern lassen sich dafür viele Anregungen finden:

Tätigkeitsbericht 2017

Um den überregionalen Austausch im Netzwerk der Tauschsysteme weiter zu unterstützen, sind wir weiter in Kontakt zum Ressourcen-Tauschring RTR.
Dort wurde inzwischen eine Nachfolgerin für die Betreuung der Webseite und der Datenbanken gefunden. Das von den örtlichen Vereinen genutzte Internetsystem wird definitiv zum 31. März 2018 geschlossen. Für den RTR wird das System Cyclos der „Aktie Strohalm“ genutzt. Die Einführung soll im ersten Quartal 2018 erfolgen.
Auch in 2017 ist es uns erneut gelungen, für zwei behinderte Schüler*innen Praktika durchzuführen, die dann zu einer beruflichen Ausbildung führten.

Die Beratung des Werkstattbeirats der Kasseler Werkstatt in Fragen der Inklusion wurde beendet. Statt dessen haben wir mehrere Supervisionsstunden im Beirat durchgeführt.
Die Schülerpraktika und die Beratung des Beirates wurden komplett ehrenamtlich durchgeführt.
Bundesweite Aktivitäten sind künftig auf Anforderung und gegen Erstattung etwaiger Auslagen (z.B. Druck- und Fahrtkosten) möglich.

Tätigkeitsbericht 2016

Die Kontakte mit der Arbeitsgemeinschaft der Tauschsysteme verbesserten sich mit einer sich sich abzeichnenden Notlage beim überregionalen Austausch. Das von den örtlichen Vereinen genutzte Internetsystem wird wohl zum 31. März 2018 nicht mehr verfügbar sein. Wir wurden angefragt, ob wir bei der Entwicklung eines neuen, internetbasierten Systems mithelfen können. Wir haben eine Beteiligung zugesagt und ein Modell der Stiftung „Aktie Strohalm“ aus den Niederlanden vorgeschlagen. Entscheidung und Einführung ist für das erste Quartal 2018 angedacht.
In 2016 ist es uns erneut gelungen, für zwei behinderte Schüler*innen Praktika durchzuführen, die dann zu einer beruflichen Ausbildung führten.
Die Beratung des Werkstattbeirats der Kasseler Werkstatt in Fragen der Inklusion wurde in geringerem Ausmaß fortgesetzt. Die Schülerpraktika und die Beratung des Beirates wurden komplett ehrenamtlich durchgeführt.